Kopflogo
Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) - Kreisvereinigung Augsburg
Stand: 05.05.2016
VVN/BdA Augsburg - Anni Pröll

Unterstützen Sie uns mit
Ihrer Spende
VVN-BdA Kreis Augsburg
Kto.Nr. 4861795
Augusta-Bank Augsburg
BLZ: 72090000
IBAN:
DE87720900000004861795
BIC: GENODEF1AUB

 

 

WIDERSTAND im DRITTEN REICH

Anna Pröll geb. Nolan

geb.  12.6.1916 in Augsburg Pfersee
gest. 28.5.2006 in Augsburg

Augsburg spielte während der nationalsozialistischen Zeit durchaus keine Außenseiterrolle: ein Fremdenverkehrsführer brüstete sich stolz, bereits vor den amtlichen Wahlergebnissen die Hakenkreuzflagge gehisst zu haben.

Was viele nicht wissen, dass in Augsburg auch einer der Zentren Süddeutschlands für den Widerstand gegen das NS-Regime war.

Auch Jugendliche waren aktiv: Anna Pröll (geb. Nolan) war eine von ihnen.

Unermüdlich setzte sie sich bis zuletzt noch für die Vermittlung der schwärzesten Geschichte Deutschlands ein.

Anna Nolan war eine der wichtigsten Figuren der Gruppe Jugendlicher, die den Widerstand in Augsburg versuchten. Sie und ihre Freunde kannten sich aus den Gruppen des kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands KJVD und den parteinahen Gewerkschaftsgruppen RGO.

Geprägt wurde ihre Überzeugung bereits aus ihrer Familie: Anna Nolan musste die Verhaftung von Vater, Mutter und Geschwistern durch SA und SS erleben, wo diese gefoltert und eingesperrt worden sind. 1931 schloss sich die 15jährige Anna dann dem Kommunistischen Jugendverband (KJVD) an, nachdem sie ihren Vater von einer KPD-Versammlung abgeholt hatte und dort eine Rede über die Arbeitsbedingungen von Frauen in Augsburg gehört hatte.

Als 1933 Annas Mutter Rosa als Mitglied der Roten Hife verhaftet wurde, “gab es ein Stocken in der politischen Arbeit für uns ... Wir Jungen, wir haben ja schon vorher Polizeiverhöre geübt. Man war also schon gefasst, dass das kommen kann. Dann, wie meine Eltern verhaftet waren, bin ich jeden Tag nach der Arbeit vor dem Katzenstadel gestanden, wo meine Mutter einsaß. Mein Vater war ja schon längst nicht mehr in Augsburg, der war in Dachau.”

Die Gruppe nahm erst Kontakt mit der noch bestehenden kommunistischen Jugendgruppe in München auf, besorgte sich dort Zeitschriften und Losungen, die sie dann - meist nachts - in den Arbeitervierteln verteilte. An Litfaßsäulen und Häuserwände schrieben sie Aufrufe zum Widerstand und riefen mit Flugzetteln, die sie auf einer eigenen Handpresse gedruckt hatten, zum Kampf gegen das Nazi-Regime auf.”

Eines der 1933 in Oberhausen verteilten Flugblätter: “Proleten! Kampfgenossen! Unaufhaltsam wütet der Mordfaschismus weiter. Täglich fordert der Aasgeier des Kapitalismus neue Opfer. 50.000 revolutionäre Arbeiter schmachten im Kerker. Wollt Ihr sie wie Freiwild den faschistischen Tyrannen ausgesetzt lassen? Arbeiter heraus! Duldet es nicht länger. Es ist Blut von Eurem Blut. Darum kämpft mit uns Kommunisten!”

September 1933 flog die Augsburger Jugendgruppe auf: doch in Augsburg fanden sich trotzdem wieder Jugendliche, die die Arbeit weiterführen wollten und sich nicht von der Brutalität der Polizei und der SS abschrecken ließen. Mittlerweile hatten sich die Grausamkeiten in den Arbeitslagern herumgesprochen: der Augsburger KPD-Chef Leonhard Hausmann war vom SS-Wachmann Kramer - ebenfalls ein Augsburger - kaltblütig ermordet worden. Der Kreis der jugendlichen Widerständler erweiterte sich: auch aus sozialistischen und christlichen Gruppen rekrutierten sich Leute.

Anna Nolan sah ihren eigenen Vater nie wieder: kurz vor seiner Entlassung aus dem KZ Dachau starb er an den Folgen eines mörderischen Arbeitseinsatzes, eingespannt vor einer Straßenwalze.

Juni 1934 dann der Prozeß wegen dem Aufbau einer Widerstandsgruppe am Oberlandesgericht München, dann wegen Aufbau der Nachfolgegruppe nochmal im März 1935. Insgesamt wurde sie zu einer Haftstrafe von 21 Monaten im Strafgefängnis Aichach verurteilt. Als sie unerlaubt Kontakt zu einer Genossin Kontakt aufgenommen hatte, bestrafte man sie mit Dunkelhaft. Auf ihr jugendliches Alter wurde kein Rücksicht genommen. Geschwächt und abgemagert verließ sie das Gefängnis - mittlerweile 17 Jahre alt. Doch in die Freiheit wurde sie nicht entlassen: wie alle politisch Verurteilten kam sie in "Schutzhaft" und wurde ins KZ Mohringen abtransportiert. Nur durch die Hilfe der anderen mitgefangenen Frauen überlebte sie. Diese gegenseitige Solidarität war für sie einer der wichtigsten Erfahrungen während der gesamten Haft- und Verfolgung, die sie aufrecht erhielt.

Später wurden die Frauen ins KZ Ravensbrück verlegt. Anna Nolan wurde dort 1937 nach Hause entlassen und mit der Auflage, von nun an sich täglich bei der Polizei melden. Auch ihr Privatleben wurde ständig überwacht. Sie verlobte sich mit Josef Pröll, der bereits auch schon einige Jahre KZ-Haft hinter sich hatte, und heiratete ihn, trotz dem Einspruch der Polizei. Er wurde 1939 - nach Ausbruch des Krieges - wieder verhaftet und verbrachte weitere lange Jahre in KZ-Haft.

Bis ins hohe Alter trat Anna Pröll als eine der letzten Überlebenden des Augsburger Widerstandes für Antifaschismus und Demokratie in unserer Stadt ein. Aufgrund dieser ihrer Verdienste regten der Vorsitzende der deutsch-israelischen Kultusgemeinde Gernot Römer und die Historikerin Annette Eberle 1996 anläßlich ihres 80. Geburtstages eine Ehrenbürgerschaft bei Oberbürgermeister Peter Menacher an. Dies wurde damals abgelehnt. Inzwischen (2003) wurde ihr diese Ehre unter Oberbürgermeister Paul Wengert doch noch zuteil.

 

Ein Jahr vor ihrer Ehrung in Augsburg wurde die "Ravensbrückerin" Anni Pröll am 10. September 2002 in der Staatskanzlei in München mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) überreichte die Urkunde. Anni Pröll sagte, sie nehme die Auszeichnung nur als Ehrung derjenigen an, die die Konzentrationslager nicht überlebten. Im Namen der LGRF (Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis) gratulierte deren Vorsitzende Rosel Vadehra-Jonas Anni Pröll. Unter anderem sagte sie: "Diese Auszeichnung ist eine Würdigung Deines langen und aufopferungsvollen Kampfes gegen den Faschismus und Deines unermüdlichen Engagements gegen das Vergessen."

Text leicht gekürzt nach Horst Thieme in Neue Szene 11/1998, Überarbeitung und Ergänzung durch Peter Feininger und Harald Munding

 

nach oben

Anni Pröll zu Ihrem 80. Geburtstag

Herzlichen Dank allen die mir Grüße und Glückwünsche zu meinem 80. Geburtstag überbrachten. Erst so ist es mir bewußt geworden, daß ich wirklich vor so langer Zeit meinen ersten Schnaufer getan habe. Damals hatte mich die Hebamme schon gedroschen, damit ich begriff, daß ich nun selbst meine 5 Sinne entwickeln muß.
Mit dem ersten Atemzug habe ich wohl die Sehnsucht der Menschen nach Frieden mit eingeatmet. Es war ja mitten im ersten Weltkrieg. So mußte ich eben in der finstersten Zeit unseres Jahrhunderts auch Federn lassen. Mein 80. Geburtstag war voll ausgefüllt, der eigentlich kein „Besonderer“ werden sollte. Meine kleine Wohnung war ein Blumenmeer und den Abend verbrachte ich mit lieben Freunden.
Eine besondere Ehre wurde mir zuteil, durch den Besuch von Oberbürgermeister Dr. Peter Menacher. Mit seinen persönlichen Glückwünschen übermittelte er mir auch die Glückwünsche meiner Heimatstadt Augsburg. Ich fühlte mich sehr betroffen, denn mein Engagement für Frieden und Mitmenschlichkeit, das in seinem Glückwunschschreiben erwähnt ist, ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Das Wissen um die großen Opfer, die das faschistische System gefordert hat, verpflichtet mitzuhelfen, daß alles versucht werden muß, solches in Zukunft zu verhindern.

nach oben

Wir nehmen Abschied von Anna Pröll Kranzniederlegung

  Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschisten/innen (VVN/BdA) trauert um ihre Kameradin Anna Pröll, die kurz vor ihrem 90sten Geburtstag am 28.5.2006 nach längerer Krankheit verstarb. Ihre Zivilcourage, ihr Engagement für Frieden und Demokratie und nicht zuletzt ihr Auftreten wider das Vergessen war und ist uns Vorbild. Vor 73 Jahren wurde das KZ Dachau (22.3.1933) errichtet. Ein KZ in dem schon bald führende Köpfe des Augsburger Arbeiterwiderstandes eingesperrt wurden und am 17.5.1933, mit der Ermordung von Leonhard Hausmann, das erste Opfer zu beklagen war. Anna Pröll stand zeitlebens in der Erinnerungsarbeit dieser Opfer.

>> zum Nachruf auf der Seite des Forums solidarisches und friedliches Augsburg

Weitere Informationen

  • KZ-Gedenkstätte Moringen - Kurzbiographie - die auch Annis KPD-Zeit nach dem Kriege nicht auslässt - unter der Rubrik Frauen aus dem politischen Widerstand  »»
  • Dokumentarfilm über Anni Pröll - «Anna, ich hab Angst um dich» die Seite zum Film »»
    - 28.2.2002 Uraufführung im Augsburger CinemaxX - Bericht Webseite KZ-Gedenkstätte Moringen  link »»
    - Der Film im Spielplan der Tage des unabhänigen Films in Augsburg 2002  pdf-Datei »»
    - Aufführung des Films im Jugendgästehaus Dachau 2002  Münchner Merkur »»
  • Geschichtprojekt am Gersthofer Gymnasium - Motivation der Schüler durch den Besuch von Anni Pröll (Dez. 2000)
    Themen Zwangsarbeit in Gersthofen, die Familie Pröll im Widerstand, die Rolle Wernher von Brauns bei der Produktion der V2-Rakete, das KZ Dora.
    Die Projektbeschreibung auf dem Webportal  Lernen aus der Geschichte »»
  • Wahlkurs Stadt- und Regionalgeschichte (1998/99), Rudolf-Diesel-Gymnasium - Rückkehr unerwünscht! Die Geschichte von Widerstand und Verfolgung einer Augsburger Familie >>

Ehrungen

  • 10.09.2002: Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuzes in der Bayerischen Staatskanzlei
  • 31.03.2003: Verleihung der Augsburger Ehrenbürgerschaft - Grußansprache des Oberbürgermeisters
    Gratulation der VVN-BdA zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft  »»
  • 01.06.2006: Gedenkfeier zum Tode von Anni Pröll
    - Nachruf Augsburger Allgemeine »»
    - Bericht Augsburger Allgemeine »»
    - eigene Bilder »»
    - Pressemitteilung der Stadt Augsburg »»
    - Trauerrede des OB Dr. Paul Wengert »»
    - Nachruf des Forums solidarisches und friedliches Augsburg »»
    - Nachruf im Mitteilungsblatt der Lagergemeinschaft Buchenwald »»
  • 1.11.2008 Einweihung einer Gedenktafel am Geburtshaus (2016 wurde das Geburtshaus abgebrochen, wir hoffen am neuen Haus die Tafel wieder anbringen zu dürfen.)

Literatur / Internet

  • Katalog zur Austellung: Frauen im Konzentrationslager: Schwestern, vergeßt uns nicht. Frauen im Konzentrationslager Moringen, Lichtenberg, Ravensbrück 1933-1945. Frankfurt am Main 1988. S. 37-38
  • Steiner Manfred: Zeitzeugen - Gesichter und Stimmen einer Stadt - Augsburg in der NS-Zeit. Augsburg 2001. S. 143-160
  • Hesse Hans: Das Frauen-KZ Moringen: 1933-1938. Mohringen 2002. S. 75
  • Edith Findel, Irene Löffler, Anne Schmucker (Hrsg.): Augsburger Frauenlexikon, Achensee Verlag 2006 »»
  • Überlebende erzählen: Frauen-KZ Ravensbrück und Jugend-KZ Uckermark »»
  • Augsburg-Wiki »»
  • Wikipedia »»
  • e-Thieme »»
  • Ein Artikel über Anni's Schwager Fritz Pröll, der zunächst mit ihrem Mann im KZ Buchenwald inhaftiert war, später ins berüchtigte KZ Dora-Mittelbau verschubt wurde und dort nach gezielten und erfolgreichen Sabotageaktionen in der V2-Raketenproduktion den Freitod wählte. Bei Wikipedia  »»
  • Die Geschichte von Widerstand und Verfolgung einer Augsburger Familie »»

  nach oben