Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) - Kreisverband Augsburg
Stand: 10.12.2006
Dokumentation

63 Jahre nach dem Blutbad auf Kephallonia demonstrieren Angehörige der Ermordeten vor dem Justizzentrum. Unter ihnen auch Marcella de Negri, die ihren Vater Francesco (Bild rechts) verlor
Fotos: Heddergott,oh

Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 9./1 0. Dezember 2006

Demonstration vor der Münchner Staatsanwaltschaft
„Sie waren Gefangene, keine Verräter“ Massaker auf Kephallonia: Angehörige protestieren gegen Verfahrenseinstellung
Von Alexander Krug

Nein, Hass empfinde er nicht, sagt Enzo de Negri leise, aber vernehmlich. Auch seine Schwester Marcella will von Rache nichts wissen. Den Geschwistern geht es um etwas ganz anderes: Sie wollen nicht, dass eines der größten Kriegsverbrechen der Deutschen an Italienern im Zweiten Weltkrieg von der deutschen Justiz zu den Akten gelegt wird. Vor allem aber wollen sie nicht, dass ihr 1943 von einer Gebirgsjägereinheit ermordeter Vater, Capitano Francesco de Negri, nachträglich zu einem „Verräter“ gestempelt wird. Genau das hat die Münchner Staatsanwaltschaft indirekt getan, und deshalb sind die Geschwister mit vielen anderen aus Italien angereist, um vor dem Strafjustizgebäude in der Nymphenburger Straße zu demonstrieren.
Hauptmann de Negri wurde am 24. September 1943 auf der griechischen Insel Kephallonia von einem Exekutionskommando erschossen. Mit ihm metzelten Angehörige der deutschen 1. Gebirgsdivision unter dem Befehl von Major von Hirschfeld in jenen Tagen weitere 136 Offiziere und rund 4000 einfache Soldaten der italienischen Division „Acqui“ auf der ganzen Insel nieder. Das Massaker an den wehrlosen und bereits entwaffneten Gefangenen gilt heute als eines der größten Kriegsverbrechen, doch strafrechtlich wurde kein einziger der Beteiligten je zur Rechenschaft gezogen.
Ansätze zu einer juristischen Aufarbeitung gab es einige, denn viele der damaligen deutschen Befehlshaber sind namentlich bekannt. Einer davon ist Otmar M., damals Leutnant. Der heute 86 Jahre alte Mann befehligte am 24. September 1943 das Hinrichtungskommando. Nach jahrelangen Ermittlungen entschieden die Münchner Ankläger im Juli dieses Jahres, das Ermittlungsverfahren gegen ihn einzustellen. Begründung: Otmar M. habe sich zwar des Totschlags schuldig gemacht, doch dieser Straftatbestand sei bereits verjährt. Für eine Anklage wegen Mordes (der nie verjährt) fehle es an den erforderlichen „niedrigen Beweggründen“. Denn aus Sicht der Deutschen seien die Gefangenen damals „Verräter“ gewesen. „Damit liegt der Fall nicht wesentlich anders, als wenn Teile der deutschen Truppe desertiert und sich dem Feind angeschlossen hätten. Eine daran anschließende Hinrichtung wäre wohl ebenfalls nicht als Tötung aus niedrigen Beweggründen (...) anzusehen“, heißt es in der Einstellungsverfügung.
Diese Begründung hat in Italien erhebliche Empörung ausgelöst, wurden doch die regulären italienischen Truppen Deserteuren oder Partisanen gleichgestellt. Für die Angehörigen der damals Ermordeten ist die Argumentation der Ankläger nicht nur zynisch, sondern auch beschämend. Marcella de Negri, 68, hat sich deshalb entschlossen, in dem Verfahren als Nebenklägerin aufzutreten. Sie will nicht, dass die 13 000 Seiten Ermittlungsakten mit einem Federstrich „für immer in einem Aktenschrank verschwinden“.
War sie anfangs noch alleine, kämpfen mittlerweile mehrere deutsche und italienische Organisationen und Vereine an ihrer Seite. Auch in der italienischen Politik hat sie Unterstützung erhalten. Im Parlament hätten inzwischen 41 Senatoren und 55 Abgeordnete eine Petition gegen die Verfahrenseinstellung unterschrieben, erklärt der Mailänder Senator Claudio Grassi. Die Entscheidung der Münchner Staatsanwaltschaft fördere ein Klima, das die Geschichte „umschreiben“ wolle.
Auch der Mailänder Anwalt Gilberto Pagani kämpft gegen diesen Geschichtsrevisionismus. Er geht sogar noch einen Schritt weiter. Für ihn ist dies der „erste Fall von Justizrevisionismus“. Hier würden erstmals die Ergebnisse der Nürnberger Prozesse „über den Haufen geworfen“. In Nürnberg sei „eindeutig festgelegt“ worden, dass es sich bei den italienischen Truppen auf Kephallonia um eine „reguläre Armee“ gehandelt habe. „Sie waren damit Kriegsgefangene und keinesfalls Partisanen oder Verräter“, so Pagani. Dass 61 Jahre nach Kriegsende die Menschenrechte derart „mit den Füßen getreten“ würden, sei eine Schande. „Der eigentliche Verrat ist das Verdrehen der geschichtlichen Fakten“, sagt Pagani.
Marcella de Negri hat inzwischen Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens beim Münchner Oberlandesgericht (OLG) eingelegt. Ihr Münchner Anwalt Michael Hofmann hilft ihr dabei. Um die Beschwerde zu begründen, muss er sich nun durch 13 000 Seiten Akten kämpfen.
Weitere Informationen
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  • Wikipedia >>