Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) - Kreisverband Augsburg
Stand: 17.05.2003
Dokumentation

Ansprache Johanna Corniels bei der Kranzniederlegung am 17.05.2003 anlässlich des 70. Todestages von Leonhard Hausmann

"Wir sind heute zusammengekommen um Leonhard Hausmann zu gedenken, der heute vor 70 Jahren im Alter von 31 Jahren unter tragischen Umständen ein Opfer des nationalsozialistischen Terrors geworden ist.
Leonhard Hausmann war ein Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands gewesen, er war als Stadtrat und als aktiver Gewerkschaftler im Betriebsrat von Thosti tätig. 1932 war er als Nachfolger von Hans Beimler zum Leiter des KPD-Unterbezirks Schwaben gewählt worden.
Der ersten Verhaftungswelle gegen die Kommunisten, die unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung einsetzte, konnte er sich durch Verstecken bei einem Freund entziehen. Aber am 25. März 1933 wurde er gefasst und in das kurz vorher errichtete Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Dort wurde er am 17. Mai von dem Augsburger SS-Oberscharführer Karl Ehmann kaltblütig aus 30 cm Entfernung erschossen. Der SS-Mann, der behauptet hatte, Leonhard Hausmann auf der Flucht erschossen zu haben, wurde wegen dieses Mordes vor Gericht gestellt, aber das Verfahren wurde niedergeschlagen. Es ist auch kein anderer Fall bekannt, in dem ein KZ-Verbrechen vor einem Gericht verhandelt worden ist. Leonhard Hausmann wurde in Augsburg mit einer großen Beerdigung beigesetzt, einige Kranzschleifen zeigten antifaschistische Parolen, wie z.B. „Die Machtfrage ist gelöst, die Rechtsfrage offen“.
Er war einer der ersten Augsburger Mordopfer des Naziterrors, dem noch viele folgen sollten, und alle diese Opfer der ersten Stunde waren Kommunisten und linke Sozialdemokraten, vor allem diejenigen, die ind em Kampfbund Eiserne Front organisiert waren.
Schon 3 Tage nach Hitlers Machtergreifung am 30. Januar 1933, nämlich am 2. Februar, wurde schon die KPD zerschlagen. Die Parteizentrale wurde besetzt und ein Versammlungsverbot erlassen.
Mit der „Notverordnung zum Schutz des Deutschen Volkes“ vom 4. Februar wurde jede Kritik auf Versammlungen und in der Presse strafrechtlich verboten.
Als dann am 27. Februar der Reichstag brannte, wurde noch in der gleichen Nacht, mit schon vorbereiteten Listen, mit der Verhaftung von 10 tausend Kommunisten, Sozialdemokraten und Antifaschisten begonnen, von denen auch viele von der Gestapo ermordet wurden.
Am 22. März wurde das erste KZ in Dachau eröffnet, allein im Jahr 1933 wurden 579 Augsburger in Dachau eingeliefert. Der Vater von Anna Pröll wurde dort grausam ermordet, wie auch der jüngere Bruder ihres Mannes, Alois Pröll. Er wurde ein Opfer der grausamen Prügelstrafe des berüchtigten Augsburger KZ-Kommandanten Hans Loritz, nachdem man ihn auf dem Bock mit Ochsenziemern bewusstlos geschlagen hatte, wurde er mit Wasser übergossen und in eisiger Kälte im Freien zum Sterben liegen gelassen.
Dass die Nazis ihre Schreckensherrschaft mit der Ausschaltung der KPD einleiteten würden, war zu erwarten gewesen, waren doch schon vor 1933 zahlreiche Kommunisten und Sozialdemokraten den Schlägerbanden der Nazis zum Opfer der gefallen, aber kein normaler Mensch konnte sich vor-stellen, mit welcher Brutalität vorgegangen werden würde. Aber Hitler konnte sich des Beifalls der Finanzkreise, der Großindustrie wie Krupp und IG-Farben und der Hugenbergpresse sicher sein, sie waren es schlißlich gewesen, die ihn in den Sessel des Reichskanzlers gehievt hatten. Aber auch im Ausland gewann Hitler dadurch an Ansehen, so meinte der britische Diplomat Lord Halifax noch 1939, als die Gräuel der Nazis den westlichen Regierungen längst bekannt waren: „Hitler hat nicht nur in Deutschland selbst Großes geleistet, sondern durch die Vernichtung des Kommunismus im eigenen Land, diesem den Weg nach Westeuropa versperrt. Daher könnte Deutschland mit Recht als das Bollwerk des Westens gegen den Bolschewismus angesehen werden.“
„Gegen den Bolschewismus“, dieses Schlagwort vergiftete nicht nur die politische Atmosphäre in Deutschland, der Antikommunismus beherrschte auch das Denken der demokratischen westlichen Regierungen. Aber in Deutschland wurden keineswegs nur die Mitglieder der Kommunistischen Partei als Bolschewisten bezeichnet. Das Schlagwort von den jüdischen-bolschewistischen Verrätern war ein integraler Bestandteil der Deutsch-Nationalen Dolchstoßlegende seit dem Ende des 1. Weltkriegs und später der NSDAP. Bolschewisten waren nicht nur Kommunisten und Sozialdemokraten, sondern auch die Juden, Pazifisten, Linksintellektuelle, Freidenker und sogar die Mitglieder der Bayerischen Volkspartei.
Nachdem die deutsche Bevölkerung jahrzehntelang aufgehetzt worden war, war es den Nazis anfangs möglich, gegen all diese Gruppen mit aller Härte vorzugehen und sogar den Holocaust durchzuführen, ohne zunächst eine nennenswerte Opposition im bürgerlichen Lager befürchten zu müssen. Diese Opposition entwickelte sich erst später, vor allem als der Krieg immer aussichtsloser wurde und immer höhere Opfer forderte.
Dieser Antikommunismus endete aber nicht mit dem 3. Reich und dem verlorenen Weltkrieg. Nachdem die KPD 1949 als legale Partei zugelassen worden war, wurde sie 1956 wieder verboten, denn man brauchte ja ein Feindbild um die Wiederaufrüstung zu rechtfertigen. Nach dem Tod des ersten Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Dr. Hermann Höpker-Aschoff, der dieses Verbot abgelehnt hatte, wurde das Verbotsverfahren eingeleitet. Nun wurde rücksichtslos gegen Mandatsträger vorgegangen, die ja völlig legal gewählt worden waren. Politiker und Journalisten, die jahrelang in den KZs oder in der Emigration gelitten hatten, jüdische Überlebende des Holocaust, deren Familien von den Nazis ermordet worden waren, und deren Verbrechen nur darin bestand, dass sie trotz aller durchgestandenen Qualen ihrer Partei treu geblieben waren, wurden von Richtern verurteilt, die noch kurz zuvor das Hakenkreuz an ihren Roben getragen hatten.
Auch das Ende des Kalten Krieges bedeutete nicht das Ende des Antikommunismus, auch wenn das Wort inzwischen zum Tabu erklärt worden ist.Schließlich mussten wir nach der Wende die „Rote Socken“ Kampagne gegen die PDS erleben. 1997 wurde den Opfern der Wehrmachtsjustiz die Amnestie und jede Entschädigung verweigert, falls sie Mitglieder der KPD waren. Da kann einer noch so mutig im Widerstand gekämpft haben – wenn er Kommunist war, und es sogar noch nach dem Krieg geblieben war, verweigerte ihm der Deutsche Staat auch nur eine Mark Entschädigung.
Um so mehr sollten wir der Stadt Augsburg dafür danken, dass sie trotz dieser Atmosphäre des Kalten Kriegs dem Arbeiterwiderstand in Augsburg hier, im Westfriedhof, ein Denkmal gesetzt hat.
Und in dem Bewusstsein, dass ein Straßenname eine Persönlichkeit nicht nur ehrt, sondern sie auch vor dem Vergessen bewahrt, wurden folgende Straßennamen den Opfern des Nazismus gewidmet:

Hans-Adlhoch-Straße
Hans Adlhoch war ein Stadtrat der Bayerischen Volkspartei gewesen und er war der Generalsekretär der katholischen Arbeitervereine. Ab 1933 wurde er mehrmals verhaftet und in Untersuchungsgefängnissen und Konzentrationslagern festgehalten. 1945 wurde er, inzwischen 61 Jahre alt und von der langen Haft ausgemergelt und zerschunden, zum Todesmarsch aus Dachau gezwungen, auf dem er vor Erschöpfung tot zusammenbrach.
Höggstraße
Clemens Högg war Landtagsabgeordneter und Bezirkssekretär der SPD. Er wurde 1933 nach Dachau verschleppt und im Jahr darauf entlassen. 1939 wurde er im KZ Sachsenhausen eingeliefert, kurz vor Kriegsende wurde er im Alter von 60 Jahren in Bergen-Belsen ermordet.
Bebo-Wager-Straße
Der Sozialdemokrat und Gewerkschaftler Bebo Wager war ein Mitglied der Widerstandsgruppe „Revolutionäre Sozialisten“ in Augsburg. Wegen eines Verrats wurde er 1942 in der MAN verhaftet, wo er eine Zelle des Widerstands geführt hatte. Am 12. August 1943 wurde er im Alter von 31 Jahren im Gefängnis Stadelheim in München hingerichtet.
Beimlerstraße
Sie wurde benannt im Andenken an Hans Beimler, er war Reichstagsabgeordneter und Parteisekretär der KPD. Auch er wurde 1933 nach Dachau verschleppt, er war aber einer der wenigen, denen es gelang, aus dem Lager zu fliehen. Sein Buch „Das Mörderlager Dachau" brachte zum ersten mal die Gräuel, die in Dachau verübt wurden, an die Öffentlichkeit. Beimler floh nach Spanien, wo er als Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg gefallen ist.
Und die
Leonhard-Hausmann-Straße
Zu Ehren von Leonhard Hausmannn, dem wir heute gedenken.

Der Augsburger Stadtrat unter Oberbürgermeister Wolfgang Pepper hatte ein wichtiges Zeichen gesetzt, jetzt ist es unsere Aufgabe, diese Namen wieder mit Leben zu erfüllen, und wer könnte das besser als unsere Kameradin Anna Pröll, die persönlich mit diesen Opfern gelitten hat und bis heute um sie trauert."